Gedanken über Aikido

Aikido ist die vollkommenste Form der japanischen Kampfkünste. Denn nicht die raffinierten Techniken sind das Geheimnis des Aikido, sondern die klare Botschaft, die dahinter steckt:

Dein Gegner ist nie dein Feind!

Wer diese Botschaft verstanden hat, wird immer weniger kämpfen müssen egal wo und mit wem.

Aikido ist vermutlich die effektivste Kampfkunst, die jemals entwickelt wurde. Morihei Ueshiba entwickelte das Aikido Anfang des letzten Jahrhunderts, indem er alte Kampfkünste zu einer neuen "Methode" oder besser gesagt zu einer Synthese zusammenbrachte. Darunter fallen die Schwertkunst der Samurai, die Fallkunst der Judokas, die Angriffe der Karatekas und andere damals geheim gehaltene Methoden der Kampfkunst. Er machte aber von Anfang an einen klaren Unterschied zu den anderen Kampfkünsten. Erstens werden die Angriffstechniken (Atemi) nur zur Kontrolle des gegnerischen Angriffs angewendet. Zweitens geht es im Aikido nicht darum, den Gegner   zu vernichten, sondern lediglich sein Angriff zu neutralisieren.  

Im heutigen Aikido ist dies ein Grundsatz, der von den meisten Aikidokas geteilt wird. Man übt also, den Konflikt zu neutralisieren, anstatt zu blockieren, um so wieder ein positives Umfeld zwischen den "Gegnern" zu schaffen. Es soll hier aber nicht der Anschein erweckt werden, Aikido wäre nur eine körperliche Übungsform, um zu erlernen, wie ein Konflikt  gewaltlos beendet werden kann.

Aikido ist in seiner Komplexität auch im höchsten Masse geeignet, die mentale und körperliche Koordination des Aikidokas  zu erhöhen. Als Aikidoka übt man die eigene Mitte (Achse) mit ausgeklügelten zentrifugal eingesetzten Hebel- und Wurftechniken, mit der angreifenden Kraft eines Gegners zu vereinen. Die dadurch entstehenden Fliehkräfte werden also auf den Gegner gelenkt, was diesen aus seinem Gleichgewicht bringt oder ihn durch den entstehenden Schmerz zur Aufgabe zwingt. Dies ist auch sehr martialisch ausgeprägt. Aber im Kern der Sache geht es im Aikido nicht darum, den Gegner zu besiegen sondern den zerstörerischen Kampf zu vermeiden.

Die Ethik, wie miteinander umzugehen ist, wird dadurch im Aikido nicht nur gepflegt, sondern regelrecht "geübt". Ein Aikidoka lernt, sich anders gegenüber Konflikten zu verhalten, als wir es sonst gewohnt sind. In unserer Zivilisation sehen wir Konflikte als Angriff auf uns selbst. Negativen Kräften, die uns klein und schwach machen wollen und uns  zerdrücken, begegnen wir mit einer Reihe von automatisch ablaufenden Verhaltensweisen. Je grösser der Angriff, um so heftiger unsere Gegenwehr. Daraus entwickelt sich meistens ein hoher Grad an Hass und Wut, der unsere Fähigkeiten, angemessen zu reagieren, stark beeinträchtigt. Irrational wird dann gekämpft, bis wir nicht mehr können. Erst durch die körperliche Erschöpfung sieht man ein, dass Widerstand jetzt sinnlos ist und ist bereit für Verhandlungen, Kompromisse oder materielle Kompensationen. Das Opfer fühlt seine Ohnmacht, gibt man die mittlerweile unhaltbare Position auf und fügt sich seinem Schicksal.

Ein Aikidoka verhält sich anders. Konflikte sind für ihn nicht negativ, sondern eine Herausforderung. Widerstand, Wut und Depressionen, die aus jedem Konflikt heraus entstehen, werden genutzt für das persönliche Wachstum. Man sucht die Konflikte nicht, doch wenn sie entstehen, benutzt man sie um mental stärker zu werden.

Für einen angegriffenen Aikidoka besteht die Herausforderung darin, die Gründe für diesen Angriff zu verstehen, einen Schlagabtausch mit seinem Gegenüber möglichst zu vermeiden und ihn zu veranlassen, mit seinen Energien konstruktiver umzugehen. Im Idealfall lernen beide etwas über das Leben. Die gemeinsam gewonnene Erkenntnis lässt den körperlichen Kampf plötzlich überflüssig erscheinen.

Die gelernten Techniken wendet der Aikidoka nur im Ernstfall an, nämlich dann, wenn eine körperliche Auseinandersetzung unvermeidbar ist. Aber auch dann immer in einer höchst kontrollierten Form, um Menschen nie zu gefährden oder zu verletzen.